Neujahrsempfang der JU + MIT in Riedlingen 28.1.12

Gemeinschaftsschule ist Kraus ein Gräuel
Riedlingen ist in der engeren Wahl dafür – In Unlingen/Uttenweiler läuft Meinungsbildung

Von Markus Dreher

Riedlingen - „Gemeinschaftsschule ist ein anderer Begriff für Gesamtschule“, sagte Josef Kraus, der aus TV-Talkrunden bekannte Präsident des Deutschen Lehrerverbands, beim Neujahrsempfang der Kreisverbände von Junger Union (JU) und Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU (MIT) in Riedlingen. Und dieser Schulart bescheinigte der Rektor eines Gymnasiums in Bayern „durchschlagende Erfolglosigkeit“. Die Debatte um den von der grün-roten Landesregierung angestoßenen Schulversuch findet hier in der Raumschaft ihren Niederschlag, und im Publikum saßen etliche Räte und vier Bürgermeister.

Die Joseph-Christian-Schule Riedlingen gehört bekanntlich zum Kreis der 34 Starterschulen, die Kraus „eher Fehlstarterschulen nennen würde“. Sie haben allerbeste Chancen, nach den Sommerferien den neuen Schultyp als Erste einzuführen. Der Riedlinger Bürgermeister Hans Petermann würde viele Kritikpunkte von Kraus unterschreiben. Warum hat die Stadt trotzdem den Antrag gestellt? „Ein positiver Aspekt ist, dass Gemeinschaftsschulen zusätzliche Lehrer bekommen“, sagte Petermann. „Wir wollen das Beste für die Betreuung herausholen.“ Man könne sich nicht immer gegen den Strom stellen; hätte es Riedlingen nicht forciert, wäre die Gemeinschaftsschule früher oder später in Nachbarorten gekommen. Er betont aber, dass die Dreigliedrigkeit mit eigenständiger Realschule erhalten bleibt, „eine Zusammenlegung hätte ich nicht mitgetragen“.

Die Werkrealschule am Bussen mit Hauptsitz in Unlingen und Außenstelle in Uttenweiler möchte ebenfalls Gemeinschaftsschule werden. Dafür haben sich die Gesamtlehrerkonferenz, der Elternbeirat und die Schulkonferenz einstimmig ausgesprochen. „In der Tradition einer innovativen Schule, die sich dem individualisierten Lernen verpflichtet fühlt“, schreibt Rektorin Elisabeth Sontheimer-Leonhardt im Jahresrückblick, sehe die Schulöffentlichkeit im neuen Schultyp eine große Chance für die Schüler.

Gestern Pro, heute Contra gehört
Beim Schulträger ist die Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen. Gerade erst war Norbert Zeller, Leiter der Stabsstelle Gemeinschaftsschule - Schulmodelle - Inklusion im Kultusministerium, in Unlingen zu Gast. „Da haben wir mit genauso viel Leidenschaft genau das Gegenteil von dem gehört, was heute vorgetragen wurde“, sagte Bürgermeister Richard Mück. Ideal wäre es in seinen Augen gewesen, wenn die Gemeinderäte, Lehrer und am Schulleben Beteiligten nach dem Zeller'schen Vortrag als Gegenpol die Rede von Kraus gehört hätten. Vielleicht greifen Mück und der ebenfalls anwesende Uttenweiler Kollege Wolfgang Dahler das eine oder andere Argument von Kraus auf.

Der jedenfalls wollte sein Publikum beim JU/ MIT-Empfang „für die Debatten munitionieren“. Um Schüler individuell zu fördern, brauche es gerade keine Einheitsschule; der Schlüssel dazu seien mehr Lehrer im gegliederten Schulwesen. Er kritisierte schiefe Pisa-Vergleiche zwischen dem ethnisch homogenen Finnland und Deutschland mit seinem hohen Migrantenanteil. Die Kritik an zu niedrigen Akademikerquoten in Deutschland lasse die deutsche Spezialität der beruflichen Bildung außer Acht, während es in Finnland und den USA akademische Grade für Krankenschwestern und gar Friseure gebe.

Die verbindliche Grundschulempfehlung abzuschaffen, werde soziale Unterschiede verstärken statt verringern, denn „Lehrer beurteilen leistungsgerechter als Eltern“. Projektorientierten Unterricht sieht Kraus skeptisch, stattdessen sei instruktiver Unterricht gerade bei schwächeren und jüngeren Schülern effektiver. Methodenkompetenz alleine bringe es nicht, gegen die Kritiker angeblicher „Stoffhuberei“ plädiert er für einen Kanon an Wissensinhalten, damit nicht „Wissen unter aller Kanone“ herauskomme.

Wider den Zeitgeist
Chancengleichheit ja, aber gleiche Ergebnisse ließen sich „allenfalls durch Absenkung des Anspruchsniveaus“ erreichen. Noten abzuschaffen, davon hält er nichts. Er verteidigte das Leistungsprinzip, das zu Unrecht verunglimpft werde. Er ging noch in anderen Punkten mit der Bildungspolitik ins Gericht, die er für dem Zeitgeist geschuldet hält.

Die CDU war in der Kritik übrigens eingeschlossen. Der MIT-Kreisvorsitzende Armin Schneider hatte schon eingangs beklagt, dass durch Kapriolen der CDU-Spitze viele Anhänger politisch heimatlos zu werden drohten. Den Wirtschaftsleuten der MIT sagte Kraus allerdings auch, dass unter betriebswirtschaftlichem Diktat keine echte Bildung zu haben sei.

Die Schule Unlingen-Uttenweiler will Gemeinschaftsschule werden. Die Diskussion interessiert daher auch die Bürgermeister aus dem Umland.

Foto: SZ

Josef Kraus (rechts, mit dem JU-Kreisvorsitzenden Mario Wied) plädiert für Leistung und Anstrengung und gegen Gleichmacherei. sz-fotos: Dreher

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Ausgabe Riedlingen - 28.1.2012

 
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