Unter dem Leitgedanken „CDU vereint“ stand ein Vormittag, der die Erinnerung an die deutsche Teilung mit der Frage verband, welchen Wert Freiheit und Demokratie heute haben. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von den Rißtalsenioren.
Dörflinger: „Diese Freiheit ist uns anvertraut“
Der CDU-Kreisvorsitzende und Staatssekretär Thomas Dörflinger MdL begrüßte die Gäste und führte in das Thema des Vormittags ein. Dabei nahm er die Zuhörer zunächst mit in die Nacht des 3. Oktober 1990 nach Berlin: Menschen stehen dicht an dicht vor dem Reichstag, Schwarz-Rot-Gold steigt am Fahnenmast empor, die Freiheitsglocke läutet und die Nationalhymne erklingt. Deutschland ist wieder vereint.
Dörflinger erinnerte daran, dass Schwarz-Rot-Gold weit mehr als die Farben einer Nationalflagge seien. Vom Hambacher Fest 1832 über die Revolution von 1848 und die demokratische Tradition der Bundesrepublik bis hin zur Friedlichen Revolution von 1989 stünden sie für Einheit, Bürgerrechte und Freiheit.
Gerade der Mut der Menschen in der DDR dürfe dabei nicht vergessen werden. Wer 1989 zu einer Demonstration gegangen sei, habe nicht gewusst, wie dieser Abend enden würde. „Wir kennen heute den Ausgang. Die Menschen damals kannten ihn nicht. Das macht ihren Mut so groß“, betonte Dörflinger.
Zugleich schlug der Kreisvorsitzende den Bogen in die Gegenwart. „Wir überlassen den Feinden der Demokratie weder unser Land noch seine Symbole“, machte Dörflinger deutlich. Schwarz-Rot-Gold gehöre keiner Partei und schon gar nicht denen, die am lautesten schrien. Die deutsche Geschichte begründe vielmehr eine besondere Verantwortung für Menschenwürde, Frieden und Freiheit.
Auch die CDU nahm Dörflinger ausdrücklich in die Pflicht. Die jüngsten Wahlergebnisse müssten Anlass zur Selbstkritik sein: „Es reicht nicht, vor anderen zu warnen. Wir müssen selbst überzeugen, mit Entscheidungen, die etwas verbessern, und mit Zusagen, auf die man sich verlassen kann.“ Vertrauen stehe einer Partei nicht zu, nur weil Menschen ihr früher vertraut hätten. „Wir müssen es uns immer wieder neu verdienen.“
Seine Einführung schloss Dörflinger mit einem klaren Auftrag für die Gegenwart: „Diese Freiheit ist uns anvertraut. Dieses Land ist uns anvertraut. Zeigen wir, dass wir dieser Verantwortung gerecht werden. Mit Mut. Mit Menschlichkeit. Und mit dem festen Willen, zusammenzuhalten. In Einigkeit und Recht und Freiheit.“
450 Seiten über ein Leben
Wie konkret der Verlust von Freiheit aussehen kann, zeigte anschließend der Hauptreferent Peter Lutz anhand seiner eigenen Geschichte.
Erst nach dem Ende der DDR erfuhr Lutz durch die Einsicht in die Unterlagen der ehemaligen Gauck-Behörde, in welchem Ausmaß die Staatssicherheit ihn überwacht hatte. Über ihn war eine rund 450 Seiten umfassende Akte angelegt worden. Darin wurde er als „feindliches Objekt“ unter der Nummer 283684 geführt. Der ihm zugeordnete Deckname lautete „Multiplikator MP 1311“.
Die Überwachung ging weit über gelegentliche Beobachtungen hinaus. Nach den Schilderungen von Lutz waren hochrangige Offiziere mit seinem Fall befasst. Informationen wurden auch an den sowjetischen Geheimdienst KGB weitergegeben. Ohne sein Wissen entstanden detaillierte Personenbeschreibungen. Fotos und Fingerabdrücke wurden gesammelt und persönliche Gewohnheiten festgehalten.
Besonders beklemmend war seine Schilderung, mit welcher Systematik die Staatssicherheit versuchte, Menschen vollständig zu durchleuchten. Dabei ging es nicht nur um politische Aktivitäten. Gezielt suchte die Stasi nach Gewohnheiten, persönlichen Schwächen und Ansatzpunkten, die zur Überwachung und Einflussnahme genutzt werden konnten.
Lutz geriet unter anderem deshalb ins Visier des DDR-Regimes, weil er bei seinen Reisen verbotene Druckmaterialien für kirchliche Gruppen in die DDR brachte.
Verhöre, Grenzkontrollen und Überwachung
Eindrücklich berichtete Lutz von seinen Reisen in die DDR und insbesondere von den Kontrollen am Grenzübergang Friedrichstraße in Berlin. Mehrstündige Verhöre, intensive Kontrollen und die Beschlagnahmung persönlicher Dokumente gehörten zu seinen Erfahrungen.
Wie außergewöhnlich diese Form staatlicher Kontrolle war, verdeutlichte Lutz mit einem Vergleich zu seinen damaligen Reisen nach Ungarn. Während die Kontrollen dort teilweise beinahe beiläufig verliefen und von ihm augenzwinkernd als „Gulaschkontrolle“ bezeichnet wurden, bedeutete eine Reise in die DDR stets, sich einem System umfassender Kontrolle auszusetzen.
Auch vom Alltag im SED-Staat berichtete der Zeitzeuge. Das System der Hausbuchführer, die Mangelwirtschaft und die Überwachung bis hinein in vermeintlich private Bereiche zeichneten das Bild eines Staates, der seinen Bürgern und Besuchern mit tiefem Misstrauen begegnete. Selbst Hotelzimmer boten keinen geschützten Raum. Lutz berichtete von eingesetzter Abhörtechnik und „Wanzen“, unter anderem im damaligen Hotel Merkur in Leipzig.
Seine persönlichen Erinnerungen machten für die Zuhörer unmittelbar nachvollziehbar, was fehlende Freiheit im Alltag bedeutete und wie umfassend ein autoritärer Staat in das Leben einzelner Menschen eingreifen konnte.
Dahler würdigt den Mut der Ostdeutschen
Wolfgang Dahler MdB erinnerte anschließend besonders an den Mut der Menschen in der damaligen DDR. Die Freiheit sei letztlich von den Ostdeutschen selbst auf den Weg gebracht worden. Beispielhaft verwies er auf Leipzig, die Nikolaikirche und die Zehntausenden Menschen, die trotz der Gefahr staatlicher Gewalt auf die Straße gingen.
„Wir müssen uns immer wieder daran erinnern: Wer hat damals das Risiko auf sich genommen?“, gab Dahler den Gästen mit auf den Weg.
Zugleich würdigte er die politische Rolle des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Dessen Entschlossenheit und politischer Mut hätten in einer historischen Situation entscheidend dazu beigetragen, die Chance auf die deutsche Einheit zu nutzen.
Mit Blick auf die Gegenwart mahnte Dahler, demokratische Freiheit niemals geringzuschätzen. Nicht alles in einem demokratischen Staat sei perfekt. Entscheidend sei aber, dass Menschen ihre Meinung frei äußern könnten und keine staatliche Verfolgung fürchten müssten.
„Einigkeit und Recht und Freiheit“ bringe deshalb bis heute auf den Punkt, worum es gehe. Schwarz-Rot-Gold stehe für ein freiheitliches und demokratisches Deutschland und dürfe nicht den politischen Rändern überlassen werden.
Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart
Zum Abschluss schlug Steffi Fischer vom CDU-Gemeindeverband Ingoldingen noch einmal die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie erinnerte daran, dass nach der Grenzöffnung auch in Hallen der Region dicht an dicht Stockbetten für die ankommenden Menschen aus der DDR aufgebaut worden waren.
Geschichte schreibe sich immer wieder neu, so Fischer. Parallelen zwischen unterschiedlichen Zeiten könnten entstehen. Entscheidend bleibe, wie eine Gesellschaft mit den Herausforderungen ihrer Zeit umgehe und ihre Zukunft gestalte.
Sie dankte Peter Lutz für seinen eindrucksvollen und persönlichen Vortrag sowie allen Beteiligten und Unterstützern. Ein besonderer Dank galt den Rißtalsenioren für die musikalische Umrahmung sowie den Helferinnen und Helfern für die Bewirtung.
Zum Abschluss erhoben sich die Gäste gemeinsam und sangen anlässlich des Tages der Deutschen Einheit die deutsche Nationalhymne.
Bericht: Philipp Jutz

Empfehlen Sie uns!