Im Partystadel in Walpertshofen geht die CDU im Wahlkreis Biberach in den Endspurt der Landtagswahl. Der Spitzenkandidat kommt mit Verspätung, reißt dann aber das Publikum mit.
Von Thomas Werz
WALPERTSHOfEN - Sonntagnachmittag, kurz vor 16 Uhr. In Walpertshofen sind die Seitenstraßen im Gewerbegebiet zugeparkt. Vor dem „Partystadel“ der Landschlächterei Angele hat sich eine Menschentraube gebildet. Vereinzelt kommen bereits Leute wieder entgegen. Knallvoll ist der Stadel, kein Einlass mehr. Zwischen 60 und 80 Interessierte lassen sich davon nicht beeindrucken, bleiben vor der Tür und verfolgen den Auftritt des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel von draußen mit, bestätigt die CDU-Kreisgeschäftsführerin Angela Gläsle später.
Drinnen ist der „Partystadel“ bis auf den allerletzten Platz besetzt, weitere Stühle und Bierbänke werden aufgestellt. Knapp 400 Menschen wollen den Spitzenkandidaten sehen. Es gibt Bier, Saitenwürste und Blasmusik von der „Hutter Bänd“ – oberschwäbische Dreieinigkeit an einem Sonntagnachmittag im Mietinger Teilort. Der Landkreis Biberach ist CDU-Stammland, mehr als 34,1 Prozent der Stimmen gingen 2021 an den Direktkandidaten Thomas Dörflinger. Doch vor allem die AfD hat bei den Bundestagswahlen vor einem Jahr kräftig aufgeholt. Dennoch: Der Partystadel, aufwendig im Landhausstil gestaltet, ist an diesem Sonntag ein Ort der Selbstvergewisserung. In einer Woche soll nach 15 Jahren der Ministerpräsident wieder ein Christdemokrat sein.
Aber die vergangene Woche war hart für die CDU. In aktuellen Umfragen haben die Grünen aufgeholt, sind je nach Umfrage mit ein oder zwei Prozent in Schlagdistanz. Der noch im Herbst als uneinholbar eingeschätzte Vorsprung ist dahin. Dazu kam die hochgekochte Diskussion um ein acht Jahre altes Video über Hagels Besuch in einer Ehinger Realschule und die damit verbundenen Sexismus-Vorwürfe.
"Die Grünen hinterlassen verbrannte Erde"
Thomas Dörflinger, Direktkandidat des Wahlkreises Biberach
In Angeles Partystadel sind diese Vorwürfe am Sonntag weit weg. Dennoch ist auch hier neben einer großen Portion Zuversicht auch Anspannung zu spüren. Die ersten Reihen sind dementsprechend prominent besetzt. Neben Thomas Dörflinger und seiner Frau Petra sitzt der Direktkandidat für den Wahlkreis Wangen, Raimund Haser. Der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Dahler ist da, genauso wie sein Vorgänger Josef Rief und Altlandrat Wilfried Steuer. Dazu etliche Kreisräte und Bürgermeister, Vertreter des öffentlichen Lebens und auch der ein oder andere Firmenchef.
Für den Zweitkandidaten Alexander Wenger aus Baltringen ist der Abend ein Heimspiel. Er stimmt das Publikum auf den Endspurt ein, lobt den „Bienenfleiß“ Dörflingers und wirbt für die „Agenda Zuversicht“. Denn der Spitzenkandidat verspätet sich. „Aber er wird kommen“, verspricht Wenger, der zudem weiß, dass Hagel zwar aus Ehingen stammt, aber verwandtschaftlich auch mit Mietingen verbunden ist.
Rückenwind gibt es auch aus Berlin – obwohl so manches Thema, das die Bundes-CDU in den vergangenen Wochen lanciert hat, auch manchen potenziellen Wähler abgeschreckt haben dürfte. Wolfgang Dahler bekräftigt, dass seit dem 6. Mai, dem Tag der zweifachen Kanzlerwahl, doch Themen abgeräumt worden seien im Bund. Doch die Wirtschaftslage beschäftige die Koalition noch intensiver als vor einem Jahr. Dahler rührt die Werbetrommel für Hagel als Ministerpräsidenten. „Der kann’s!“, sagt er. „Der isch koi Hädale.“ Thomas Dörflinger tritt nur kurz ans Mikrofon. Wortwörtlich habe er „seine Stimme bereits abgegeben“, sagt er heiser. Dieser Wahlkampf habe Spaß gemacht, betont er. Im Landkreis Biberach sei er zwischen den Kandidaten auch tadellos abgelaufen. Nun, zum Auftakt in diese letzte Woche, soll von Walperstshofen aus der Endspurt angezogen werden. Dörflinger bestärkt den in die Kritik geratenen Kandidaten Manuel Hagel und beschwört „das Land der Macher und Tüftler“. Man wolle „nicht alles anders, aber Wichtiges besser machen“. Harsche Kritik geht in Richtung der Grünen. Sie hätten mit der Kampagne „den Boden der Fairness verlassen“, so Dörflinger. „Die Grünen hinterlassen verbrannte Erde.“ Jetzt gehe es klar darum: CDU oder Grüne. Und mit Blick auf die Umfragen geht es tatsächlich um jede Stimme.
17.28 Uhr, Applaus brandet auf. Manuel Hagel ist da, zielstrebig schreitet er nach vorn. Sein Terminkalender ist eng getaktet, er kommt direkt aus Pfullendorf, muss im Anschluss weiter zu einem Termin nach Ehingen. Er schüttelt Hände in der ersten Reihe. Sollte ihm die vergangene Woche zugesetzt haben, ist im „Partystadel“ davon nichts zu merken. Hier sei er schließlich „bei anständige Leut“. Noch mehr Applaus. Der Ton ist gesetzt. Die Grünen hinterlassen verbrannte Erde.
Jeder, der AfD wählt, bekommt einen Grünen zum Ministerpräsidenten!
Immer wieder stand die Frage im Raum: Kann der 37-jährige Ehinger, der geradeheraus mit den Leuten schwätzt, auch Minischdrpräsident? Hagel will in den gut 40 Minuten daran keinen Zweifel aufkommen lassen. Er spricht frei und durchaus unterhaltsam, was ihm vor den fast 400 Zuhörern immer wieder kräftigen Szenenapplaus beschert.
Der Blick in den Nahen Osten zu den aktuellen Angriffen von Israel und den USA auf den Iran gehört genauso dazu wie der Ausflug in die deutsche Geschichte. Hagel zitiert eine Erinnerung von Freja von Moltke, der Frau des Widerstandskämpfers Helmut James Graf von Moltke, an das Erstarken des Nationalsozialismus. „Es geht um so viel – eine starke Wirtschaft, Freiheit, Demokratie“, betont der CDU-Spitzenkandidat. Die Wirtschaft und die Bildung, die kaum ohne einander zu denken sind, stellt Hagel in seiner Rede in den Fokus, identifiziert den Protektionismus der USA und den Staatskapitalismus Chinas als die großen Bedrohungen für die Wirtschaft im Südwesten. „Die soziale Marktwirtschaft steht unter Druck“, so Hagels Analyse. Nicht nur der Automobilindustrie, sondern auch dem Maschinen- und Anlagenbau drohen enorme Jobverluste. Es benötige einen klaren Plan, um hier erfolgreich zu sein. Bevormundung und Kulturkampf seien hier nicht die Sache der CDU, betont Hagel und befeuert ihn gleichzeitig: „Gendern ist nicht entscheidend dafür, ob wir in Wohlstand leben.“
„Jeder, der AfD wählt, bekommt einen Grünen zum Ministerpräsidenten!“
CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel
Noch mehr beschwört der junge Kandidat das Land der Tüftler und Schaffer, die „Baden-Württemberg-DNA“ und Menschen, die sich aus der aktuellen Rezession herausarbeiten können. „Fleiß und Innovation“ hätten seit jeher das Land beflügelt. Hagel ist überzeugt, dass es künftig deutlich mehr „Work“ anstatt „Life“ in der „Balance“ brauche – „nur so kommen wir voran“. Man habe in Baden-Württemberg die einmalige Chance, in neue Wirtschaftsbereiche zu investieren. Bis zu 100.000 neue Jobs könnten bis Ende des Jahrzehnts geschaffen werden. Mit gleicher Verve argumentiert Hagel, selbst Vater von drei Söhnen, für die frühkindliche Bildung, vor allem das verpflichtende dritte Kindergartenjahr. Er wirbt für die Grundkompetenzen Schreiben, Lernen, Rechnen, Sport, Musik und Bildende Kunst genauso wie für die verbindliche Grundschulempfehlung für alle Schularten. „Die Hauptschule ist keine Resteschule. Der Wert des Kindes ist unabhängig vom Schulabschluss“, so der 37-Jährige. Das kommt an im Partystadel.
Gut 170 Stunden sind es noch bis zur Wahl und der von manchen journalistischen Begleitern attestierte „Schlafwagenwahlkampf“ ist auf der Zielgeraden vorbei. In einer seltenen Deutlichkeit teilt Hagel vor allem gegen die Grünen und deren Spitzenkandidaten Cem Özdemir aus. Genauso deutlich ist der Appell an das Publikum: „Jeder, der AfD wählt, bekommt einen Grünen zum Ministerpräsidenten!“ Jegliche Kooperation mit der AfD schließt Hagel unter seiner Führung erneut und deutlich aus.
Ein freundschaftliches Lob gibt es dagegen für Thomas Dörflinger. Dieser wolle „etwas reißen fürs Land“ und mit Substanz und „Oberschwaben-Spirit“ die Probleme angehen, attestiert Hagel.
Ob er hier bereits den nächsten Verkehrsminister ins Spiel bringt, wie es Alexander Wenger formuliert? Für Hagel gibt es nicht nur lang anhaltenden Applaus aus dem Publikum, sondern als Gastgeschenk auch oberschwäbische Wurstwaren von Hausherr Rudi Angele.
Während die Nationalhymne verhallt und die Gäste bei Bier und Saiten gut gelaunt weiter diskutieren, ist Spitzenkandidat Manuel Hagel schon wieder unterwegs in Richtung Heimat. Günther Oettinger wartet in Ehingen.
© Schwäbische Zeitung, Ausgabe Laupheim vom 3.3.2026



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